Diktat – Frust und belastete Eltern-Kind-Beziehung

„Sie müssen Diktate schreiben!“

Immer wieder höre ich von Eltern, dass sie jeden Tag mit ihrem Kind üben und nicht verstehen, warum ihr Kind immer noch nicht richtig schreiben kann. Und wie enttäuscht sie wären und was für ein Kampf es sei, dieses Üben. Frust pur! Die Eltern-Kind-Beziehung ist belastet. Dann frage ich immer: „Wie üben Sie?“ Die Antwort: „Wir schreiben jeden Tag ein Diktat!“ Und meistens haben die Lehrer zu den Eltern gesagt: „Sie müssen jeden Tag ein Diktat schreiben!“

Diktate sind inzwischen selbst im Bildungswesen umstritten

Das Bildungsministerium Hamburg strich vor ein paar Jahren Diktate aus dem Lehrplan der Grundschulen. Auch in Berlin werden nicht mehr überall Diktate geschrieben. Diktate sind so eine Sache. Sie werden teilweise sehr lange geübt, die Wörter zu Hause eingepaukt. Manche Lehrer diktieren undeutlich, zu schnell oder zu leise, weil die Klasse zu laut ist. Sogar die Notengebung schwankt sehr, denn sie ist immer subjektiv. Manche Lehrer benoten zu penibel, manche lässig, manche können die Schrift nicht lesen, fehlende Punkte werden unterschiedlich gewertet. Inzwischen wurde erkannt, dass die meisten Schüler anders in Diktaten abschneiden als beim freien Schreiben und dass auch die Fehlerschwerpunkte sehr unterschiedlich sind.

Diktate demotivieren und verstärken den Frust

Warum? Weil sie fehlerorientiert sind! Es wird nur auf die Anzahl der Fehler geschaut, nicht aber darauf, wie viele Wörter richtig geschrieben wurden. Und dann diese Ungerechtigkeit beim Berichtigen: Die Kinder, die die meisten Fehler machen, werden doppelt bestraft, denn sie müssen oft den ganzen Text abschreiben. Die anderen müssen nur die Fehler berichtigen. Bei der Berichtigung lernen die Schüler in der Regel nichts dazu.

Wenn wir wissen, wie viele Fehler eigentlich schon in einem Wort gemacht werden können, sollten wir dann nicht stolz auf das sein, was richtig geschrieben wurde? Nein, es kommt eine schlechte Note unter das Diktat, die Bewertung ist zudem sehr hart.

Diktate sind oft langweilig

Diktate können eventuell Wissen vermitteln, wenn sie interessante Themen als Inhalt haben. Oft genug sind Diktate sehr langweilig. Ich hatte einen Schüler, der bei Diktaten regelmäßig abschaltete und deshalb so gut wie jedes Wort falsch schrieb. Für viele Kinder sind Diktate eine Qual und purer Stress. Sie versuchen deshalb, es irgendwie zu vermeiden, dass sie Diktate schreiben müssen. Deshalb kommt es oft zu Konflikten mit den Eltern, und das belastet die Eltern-Kind-Beziehung manchmal schwerwiegend.  

Welche Aufgabe haben Diktate?

Ein Diktat ist ein Text, der zur Überprüfung der Rechtschreibkenntnisse diktiert wird. Diktate sind tatsächlich eigentlich dazu da, um herauszufinden, wie der Wissensstand des Schülers ist. Wie also sollen Kinder durch ein Diktat Rechtschreibkenntnisse erlangen, wenn es doch als Test fungieren soll? Warum empfehlen immer noch so viele Lehrer, dass Eltern Diktate mit ihren Kindern schreiben sollen?

Wie können Kinder das richtige Schreiben lernen?

Nur eine Vielfalt der Methoden kann den Schülern helfen, das richtige Schreiben zu lernen. Vor allem das Üben von Rechtschreibstrategien und der Rechtschreibregeln ist sehr wichtig. Stetes Üben, und vor allem die regelmäßige Wiederholung dieser Strategien und Regeln, ist wichtig. Wie können wir herausfinden, ob ein Wort am Wortende mit „b“ oder „p“ geschrieben wird? Wann schreiben wir im Wort ein „k“ oder „ck“? Welche Regeln gibt es dafür?

Wann schreiben wir in der Praxis für Lerntraining Diktate?

Wenn die Schüler so gut wie alle Rechtschreibthemen geübt haben, beginnen wir Diktate zu schreiben. Aber eben erst, wenn wir wissen, dass die Schüler schon sehr viel können und nicht mehr unter den Diktaten leiden. Jetzt geht es vor allem darum, dass die Schüler ganz bewusst üben, die erlernten Regeln anzuwenden. Aber: Die Diktate sollten interessante Themen haben.

Wir schreiben Stopp-Diktate

Ein Diktat zu schreiben und es hinterher zu korrigieren, bringt nicht so viel. Effektiver ist es, sofort „Stopp!“ zu sagen, sobald ein Fehler auftaucht. Der Schüler muss die Regel sofort benennen und das Wort berichtigen. Auf diese Art und Weise lernen die Schüler, beim Schreiben an die Regeln zu denken und sie anzuwenden. Diese Diktate dürfen aber nur geschrieben werden, wenn die Schüler schon sehr viel wissen und gut damit umgehen können, dass wir sofort „Stopp!“ sagen.   

Sollten Eltern zu Hause Diktate schreiben?

Damit sich nicht immer mehr Frust in der Eltern-Kind-Beziehung aufbaut, würde ich unbedingt davon abraten. Diktate dienen nicht dazu, die Rechtschreibleistungen des Kindes zu verbessern! Diktate sollen eher als Test gesehen und genutzt werden. Viel wichtiger ist der Aufbau des Regelwissens und der Strategien zur Vermeidung von Fehlern. Kennt das Kind schon sehr viele Regeln, kann man „Stoppdiktate“ empfehlen. Diese sollten aber nur geschrieben werden, wenn das Kind gefestigt ist und mit dem Stoppsagen kein Problem hat.  

5 Kommentare

  1. Hallo! Das finde ich sich wirklich mal super! Sie sprechen mir alle AIS der Seele! Ich selbst musste als Kind häufig Diktate schreiben und hatte ZIM Ende hin keine Lust mehr daran… OK,ich war von Anfang an nicht schlecht in der Rechtschreibung. Aber dennoch…nun mache ich eine Ausbildung zum Erzieher ind mein Sohn ist gerade in die weiterführende Schule (Real) gekommen. Er hat sich riesig darauf gefreut. Mittlerweile aber ist deutsch ihm ein Graue,denn die Lehrerin lässt die Klasse jede Woche mindestens ein Diktat schreiben,korrigiert diese auf ganz harte weise (was grundsätzlich nicht verkehrt ist) und lässt kids,die eine fünf haben den ganzen Text(!!!) vier Mal abschreiben,wer eine vier hat muss ihn drei mal abschreiben usw. Ich bin völlig aufgelöst… Mir ist schleiehaft, welches Ziel diese Lehrerin verfolgt. Ich werde ihr erstmal einen höflichen Brief schreiben mit der Bitte um Offenlegung der didaktischen Maßnahme und sie fragen ob es Programm der Schule sei, mit Konditionierung in den Kindern Kompetenzen zu wecken.
    Was meint ihr?

  2. sehr geehrte Kollegin, liebe Sabine,

    du schreibst mir aus dem Herzen und aus der Seele, Diktate sind keine leistungsrelevanten Maßnahmen.

    Gerade für Schüler mit Legasthenie ist es über die Wahnehmung in den bestimmten Hirnregionen ein imenser Unterschied, wie Texte produziert werden, bei Diktat ist das HÖREN und schreiben, wenn dir akustische Wahrnehmung von der Legasthenie betroffen ist, so kann man mit dem Schüler/In üben und üben und üben, er wird nicht weniger „Fehler“ schreiben, oftmals einfach nur „andere Fehler“ produzieren und er wird sicher nicht selbstbewußter dadurch…

    Ich versuche den Eltern und Lehrern meiner Schüler klar zu machen, dass es ein enormer Unterschied ist, ob man einen Text „HÖREN und schreiben“ (wie Diktat), einen Text „SEHEN und schreiben“ (abschreiben von der Tafel z. B.) oder freie Textproduktion, den Text „im Kopf entstehen lassen“ (Z. B. Aufsatz), jede dieser verschiedenen Aufgaben entsteht in einem anderen kleinen Gehirn-Schublädchen, wenn man das so erkälrt finden die das dann alle ganz logisch…
    hmm. da frage ich mich warum dann so schlaue und intelligente Menschen, die die Lehrpläne erstellen da nicht darauf achten, es gibt doch schon unzähliche Studien und wissenschaftliche Beweise dafür…

    Ein Diktat sollte nicht zur Leistungsabfrage/Wissensstandabruf benutzt werden!
    Vorallem nicht die Fehler…,
    wenn ein Schüler/In bei einem Diktat von 100 Wörtern 80 richtig geschrieben hat dann sind das 80% RICHTIG!!!
    Wenn aber drunter steht, du hast 20 Fehler, dann ist das mit Notenbezifferung 6!
    Das ist sehr traurig…

    • Ja, liebe Michaela, auch Du gehst es ja schon richtig an. Aufklärung ist ganz wichtig. Lehrer und Eltern müssen erfahren, dass es nichts bringt, Diktate zu schreiben. Vor allem, dass man dabei nichts lernen kann, außer natürlich Frust. Es ist tatsächlich sehr traurig, dass in Deutschland so wichtige Informationen immer noch nicht allen in der Schule bekannt sind, dass immer noch Noten das Wichtigste sind. Wann lernen die Verantwortlichen das endlich?

  3. Hi… danke fur diesen Artikel.
    Wie soll ich am besten die Rechtschreibung meines Kind motivieren ?
    Vielen Dank nochmal
    ISABELA

    • Hallo Isabela, Diktate bringen nichts, wie gesagt. Wichtig ist es, dem Kind Strategien und Regeln beizubringen. So eine Strategie ist zum Beispiel, dass aus a ein ä wird. Aus Schrank wird Schränke; nächste wird mit ä geschrieben, weil es von nach hergeleitet werden kann. Oder wie erkennt man, ob ein Wort am Ende mit d oder t geschrieben wird. Verlängern – der Mond – die Monde, das Licht – die Lichter. Und wichtig ist dabei, diese Strategien und Regeln so lange zu üben, bis das Kind sie auch wirklich anwenden kann. Haben Sie noch Fragen, dann können Sie diese gerne an mich stellen.

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